Gedenkstättenfahrt der Q1 - ein erster Eindruck
Im Rahmen des, in diesem Jahr erstmalig stattfindenden, Projektkurses Deutsch- Geschichte „Gegen das Vergessen“, welcher sich mit der Thematik des Holocausts beschäftigt, fuhren wir vom 21. bis zum 26. März nach Polen.
In unserem Projektkurs hatten wir uns zuvor intensiv mit der NS-Zeit beschäftigt. Dabei beleuchteten wir sowohl die Perspektive der Opfer, als auch die der Täter*innen. Individuell beschäftigten wir uns mehrere Monate mit persönlich ausgewählten Biographien von Auschwitz-Überlebenden.
Am Samstag, den 21. März, verließen wir um 05:30 Uhr den sicheren Hafen des NCG und machten uns auf den 15- stündigen Weg nach Oświecim. Sicher aber ausgelaugt, kamen wir am Samstagabend an, wo wir direkt von unseren beiden Teamerinnen Katja und Bibi auf die folgenden Tage eingestimmt wurden.
Am nächsten Morgen besuchten wir das Stammlager (Auschwitz I). Zu Beginn gingen wir durch einen Tunnel, in welchem die Namen aller Opfer vorgelesen wurden. Beim Durchgehen wurde uns schon einmal bewusst, wie viele Menschen Opfer des Holocausts sind. Wir wurden von unserer Guide durch das Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ geführt und sie erzählte uns, dass durch dieses innerhalb von 4,5 Jahren etwa 1,3 Millionen Menschen nach Auschwitz gebracht wurden – von den meisten blieb nur eine Urne gefüllt mit Asche übrig. Weiter bewegten wir uns auf den Spuren der Häftlinge und schauten uns verschiedene bedeutende Schauplätze an. So zum Beispiel den Appellplatz mit Galgen, die Gefängniszellen, in denen Häftlinge bei „Ungehorsam“ mit Dunkelheit und Hunger bestraft wurden, sowie die Baracken, die sie bauten und in denen sie zu vielen Menschen und unter unmenschlichen Bedingungen leben mussten. Besonders beeindruckt hat uns, dass das gesamte Lager wie eine kleine strukturierte Stadt ausgesehen hat und man sich zunächst nicht vorstellen konnte, welche Gräueltaten dort geschahen. Diese beinhalteten beispielsweise grausame Spiele mit den Häftlingen oder Experimente, vor allem an Zwillingen und Frauen, deren Eierstöcke vergiftet wurden, um sie zu sterilisieren
Um uns die Realität von vor 85 Jahren zu zeigen, wurden wir von unserer Guide in verschiedene Baracken geführt, in denen das Leben der Menschen und einzelne Schicksale beschrieben wurden. Diese sogenannte „Länderausstellung“ konzentrierte sich auf einzelne Länder, wie Frankreich, die Niederlande oder Israel, oder auf Gruppen, wie Sinti und Roma. An diesem Tag besuchten wir die Ausstellung „Israel“ in welcher sich zum einen die Geschichten verschiedener Gefangener und ihre Bilder befanden, zum anderen wurden Reden von hochgestellten NSDAP-Mitgliedern abgespielt. Diese wirkten sehr eindrucksvoll auf uns, da sie uns die wahnsinnige Ideologie und die krankhafte Überzeugung der Täter*innen vor Augen führten.
In anderen Baracken waren Nachstellungen der Einrichtung zu sehen, sowie verschieden Gegenstände – hauptsächlich Folterwerkzeuge. So konnten wir einen
Prügelbock, mehrere Knüppel oder Peitschen betrachten, die den Lagerinsassen damals Schmerzen zufügten. Ganz besonders eindrücklich war für uns eine Ausstellung, in der Haare und mehrere Tonnen an Schuhen, Taschen und weiteren Habseligkeiten ausgestellt waren. Wir fühlten uns in diesen Räumen den Opfern am nächsten und uns wurde sehr bewusst, dass hinter all diesen Gegenständen Menschen mit eigenen Identitäten, Leben und Träumen, welche ihnen viel zu früh gestohlen wurden, stehen.
Der Montag begann mit einer dreistündigen Führung durch das Vernichtungslager Birkenau (Auschwitz II.). Wieder waren wir mit unserer Guide auf den Wegen der Häftlinge unterwegs und sie führte uns durch verschiedene Baracken. Anders als die im Stammlager, waren diese allerdings zugig, kalt und aus Holz erbaut. Der Unterschied von Birkenau bestand darin, dass es ein Vernichtungslager war, die Menschen also meist nur kurze Zeit lebten und dann in die Gaskammern geführt wurden, um vollständig ausgelöscht zu werden. Schon bei ihrer Ankunft im Lager wird diese Auslöschung bemerkbar, denn den Gefangenen, sofern sie die erste Selektion überlebten, wurde zunächst jeglicher Besitz abgenommen, sie mussten sich vor allen anderen auskleiden, wurden grob rasiert und wurden zu hunderten miteinander die Gänge entlang gedrängt, geduscht und in zufällig zugeteilte Kleidung gesteckt. Sie betraten die Räume als Menschen mit Identität, Würde und Besitz und verließen sie als eine bloße Nummer.
Ihnen allen wurde jegliche Entscheidungsgewalt abgesprochen – das Recht sich selbst einzukleiden, sich frei zu bewegen oder einfach zu leben wurde ihnen genommen. Von den Gaskammern, für die das Lager bekannt ist, sind heute nur noch Ruinen zu sehen, da die SS sie alle mit der Evakuierung des KZs zum Ende des Krieges niederbrannte.
Wir schauten uns wieder Berge an gefundenen Gegenständen an, die dieses Mal allerdings für Jahrzehnte im Boden gelegen haben und entsprechend aussahen. Für uns hatte dieser Zustand allerdings eine ganz besondere Symbolik, da sie zeigten, wie schnell die persönlichen Gegenstände der Opfer und damit auch ihre eigene Geschichte begraben werden und in Vergessenheit geraten. Es fühlte sich wie ein Appell an, gegen das Vergessen vorzugehen und unsere eigenen Erlebnisse auf dieser Fahrt und die Geschichten der ermordeten Menschen weiterzugeben, damit sich die Geschichte niemals wiederholen wird.
Nach dem Mittagessen ging es in den geteilten Gruppen zu einem für viele ganz besonderem Programmpunkt. In einem Keller in Harmeze hat der Holocaustüberlebende und Künstler Marian Kolodzieja seine Erfahrungen in Bildern verarbeitet, um sie mit der Welt zu teilen. Er wurde in einem der ersten Transporte nach Auschwitz gebracht und verbrachte so fast fünf Jahre in Konzentrationslagern. Seine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber einem anderen Häftlings verhalf ihm dabei zum Überleben, da dieser in der Verwaltung arbeitete. Nach dem Krieg sprach Kolodzieja zunächst Jahrzehnte gar nicht über seine Erlebnisse, bis er seine Einstellung nach einem Schlaganfall änderte. Der Heilige und Mitgefangene, Maximilian Kolbe,
erschien ihm in Träumen und gab ihm vor, was er für die Nachwelt auf Papier festhalten solle.
Seine Werke machten einen unglaublich grauenhaften Eindruck auf uns, da er nicht nur die ausgemergelte und entmenschlichte Gestalt der Menschen, sondern auch die Beziehungen zwischen ihnen, zu den Kapos (Häftlinge, die zu grausamen Wächtern ausgebildet wurden) und zu den SS- Offizieren darstellte. Diese Wahrnehmung beschrieb er in vielen Werken mit düsterer und mystischer Symbolik. Das Anschauen dieser Zeichnungen ließ uns alle für mehrere Augenblicke erschaudern und das Leben der Häftlinge, die Foltermethoden und unsere eigene Verantwortung gegenüber der Zukunft blieben uns den gesamten Tag und wahrscheinlich noch unser gesamtes Leben lang in Gedanken.
Genau das ist für uns das Wertvolle an dieser Erfahrung des Projektkurses, dass wir die Geschichten der Vergangenheit erfahren und aus diesen für unsere eigene Zukunft lernen. Wir müssen selbst Verantwortung übernehmen und aktiv werden, damit ein solcher Mord an einer gesamten Bevölkerungsgruppe nie wieder geschieht – jeder Einzelne hat dabei seinen Teil zu leisten.
In den nächsten Tagen werden wir uns noch in der heutigen Stadt Oswiecim aufhalten und die Geschichte über den Ort erfahren, bevor es danach auf die Weiterfahrt nach Krakau geht. In der Stadt werden wir uns ein jüdisches Viertel anschauen und ein Zeitzeugengespräch führen, um das Geschehene noch einmal aus Opferperspektive zu erleben.




