| Rückblick auf die Zeit im "Raumschiff" |
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| Geschrieben von: Stefan Kunze [KStA] | |
| Sonntag, den 18. Juli 2010 um 12:32 Uhr | |
FORSCHUNG Werden die Menschen eines Tages den Mars betreten? - Ein wichtiges Experiment auf dem Weg dorthin war die Mission "Mars 500", die vor einem Jahr endete - Oliver Knickel aus Odenthal nahm daran teil
Knickel, der sich bei der Auswahl zur Marsmission gegen 5600 Konkurrenten durchsetzte, ist in Odenthal aufgewachsen. Zunächst ging er auf die Grundschule in Voiswinkel, später besuchte er das Nicolaus-Cusanus-Gymnasium (NCG) in Bergisch Gladbach und machte hier 1999 Abitur. "An unsere hervorragenden Abi-Leistungen erinnert heute noch das Bild eines Trabis an der Schule", sagt Knickel schmunzelnd.
Zum Ende der Schulzeit stand er wie seine Mitschüler vor der Frage: Bund oder Zivildienst? Er verpflichtete sich für zwölf Jahre als Offizier bei der Bundeswehr. Nach der allgemeinen Grundausbildung war er in der zweiten Jahreshälfte 2002 mit seiner Einheit in Afghanistan im Einsatz. "Das war damals noch alles sehr provisorisch in Zelten. Heute gibt es da ja regelrechte Containerstädte", erzählt er. Zurück in Deutschland, absolvierte Oliver Knickel von 2002 bis 2006 sein Studium und lehrte anschließend an der technischen Schule für Landsysteme der Bundeswehr in Aachen. Zum Marsprogramm der ESA kam er durch Zufall: "Ich habe einfach im Internet gesurft und bin plötzlich darauf gestoßen." Was er las, hörte sich interessant an. Die Bewerbung war schnell fertig, dann vergingen eineinhalb Jahre mit Untersuchungen und Tests. Die Kandidaten sollten neben allen körperlichen Voraussetzungen eine gute Ausbildung und ein niedriges Aggressionspotenzial haben. Dazu waren Sprachkenntnisse gefordert. Französisch und Englisch beherrschte Knickel seit der Schulzeit, beim Bund hatte er Russisch gelernt. Das kam gut an. Am Ende fiel die Wahl auf ihn. Im Januar 2009 flog der Odenthaler nach Moskau und bereitete sich im Institut für Biomedizinische Probleme der Russischen Akademie der Wissenschaften auf die Mission vor: die Anlagen kennen lernen, die tägliche Arbeit mit den Forschungsgeräten erkunden, gruppendynamische Spiele, um auch die Kollegen kennen zu lernen und Vertrauen aufzubauen. Alles sollte so realistisch wie möglich sein. Neben den Gemeinschafts- und Forschungsräumen hatte jeder Teilnehmer im nachgebauten "Container-Raumschiff" eine drei Quadratmeter große Kammer. "Ich habe nur relativ wenige private Dinge mitgenommen, weil einfach der Platz fehlte." Wirklich wohnlich war die Kammer nicht: Ein schmales Bett, ein Regal, eine gewöhnungsbedürftige Holzwandvertäfelung - das war's. Am 31. März 2009 schloss sich die Tür hinter Knickel und seinen fünf Mitstreitern, einem Franzosen und vier Russen. Tagsüber standen Forschungsarbeiten an. Um acht Uhr wurden sie geweckt, dann ging es los. Immer wieder mussten die Test-Astronauten simulierte Probleme lösen: Schäden am "Raumschiff" und Softwarefehler beheben. Dabei mussten sie ohne fremde Hilfe auskommen - viele Millionen Kilometer von der Erde entfernt gäbe es schließlich auch keinen Reparaturservice. Zusätzlich trieben die Crew-Mitglieder viel Sport. Sonst drohte durch den Bewegungsmangel auf dem engen Raum Muskelabbau. Im Container wurde Knickel zum Hobbygärtner. Damit die Crewmitglieder nicht nur Dosennahrung essen mussten, bauten sie etwas Grünzeug an. Die Ergebnisse waren nicht überragend, aber vitaminreich. Duschen gab es keine, dafür Waschbecken - ausschließlich mit kaltem Wasser. "Wir haben uns wie die Astronauten auf der ISS mit nassen Tüchern gewaschen", sagt Oliver Knickel. Hintergrund ist, dass in der Schwerelosigkeit das Duschen zwar mit ein paar technischen Feinheiten möglich ist, danach die Dusche aber eine Stunde getrocknet werden müsste, damit sich keine Pilz- oder Bakterienstämme bilden. Deswegen verzichten die Astronauten auf richtige Duschen. Gegen 19 Uhr war Dienstschluss, und jeder Teilnehmer hatte frei. "Manchmal haben wir dann irgendetwas zusammen gespielt. Meistens war aber abends jeder für sich", berichtet Knickel. Er setzte sich oft an den Computer und schrieb E-Mails oder schaute DVDs. Die Antwort-E-Mails seiner Freundin hatte Knickel immer erst 40 Minuten nach dem Senden in seinem Postordner - so wäre es auf einem Marsflug ebenfalls. Die russischen Crewmitglieder hatten sich mit reichlich Filmen eingedeckt, um gut über die Zeit zu kommen. "Die waren alle auf Russisch. Das war nicht so toll", sagt Knickel, obwohl er die Sprache beherrscht. Da er nach eigenen Worten kein großer Filmexperte ist, hatte er sein DVD-Bündel mit Klassikern geschnürt: "Herr der Ringe", "Forrest Gump", "Stirb langsam". Trotzdem wurde die Zeit im Container lang. "Das war gelegentlich ganz schön fad, und manchmal wäre ich gerne ausgestiegen", sagt er rückblickend. An der "Raumschiffwand" hing ein Kalender, auf dem die Crewmitglieder die verbleibenden Tage abstrichen. Die "Bodenbesatzung" konnte die Vorgänge im Container die ganze Zeit per Kamera verfolgen. Wie bei "Big Brother" fühlte sich Knickel trotzdem nicht. "Es ging ja nicht darum, dass einer gewinnt, sondern dass wir gut zusammenarbeiten." Mitte Juli hatten er und seine Begleiter es endlich geschafft. Um 14 Uhr sprang die schwere Metalltür auf und gab den Weg aus den Containern frei. 105 Tage auf engstem Raum waren geschafft. "Als wir reingegangen sind, war ja fast noch Winter. In Moskau lag noch Schnee. Am Ende hatten wir Sommer", sagt Knickel. Unterm Strich hatte er rund vier Kilo Gewicht verloren. So gut kann das Essen nicht gewesen sein. Auf die Tage im Container folgten weitere Aufgaben: unzählige Fragen von Journalisten aus aller Welt, weitere medizinische Test und vieles mehr. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln lud ihn zum Flug in die Schwerelosigkeit ein: In einem speziellen Airbus A300 Zero-G konnte er für einige Augenblicke bei einem Parabelflug erleben, wie es sich anfühlt, wenn die Erdanziehung fehlt. Heute arbeitet Knickel wieder bei der Bundeswehr in Aachen in einer Entwicklungsabteilung und hält über seine Eltern und Freunde den Kontakt ins Bergische. Über die Zeit bei der Mars-Mission sagt er: "Das war eine spannende Erfahrung."
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