PRAKTIKUM Schüler geben Senioren Tipps beim virtuellen Spielen - Training für Wettkämpfe
Bergisch Gladbach. Eine ruhige Kugel schieben die vier Bewohner des CBT-Wohnhauses Peter Landwehr an diesem Nachmittag wahrlich nicht. Gebannt sitzen die Senioren im Alter von 70 bis 91 Jahren in der Cafeteria, die sich dank Bildschirm und Spielkonsole in eine virtuelle Bowling-Bahn verwandelt hat. Sean Messing und Sebastian Schoppmann, die die neunte Klasse des Nicolaus-Cusanus-Gymnasiums besuchen und in der Einrichtung ein Sozialpraktikum absolvieren, haben die Anlage aufgebaut und geben den Spielern Tipps. Schließlich muss man sich erst einmal daran gewöhnen, statt mit der Kugel per Fernbedienung zu zielen. Handschlaufen verhindern, dass die Steuerungseinheit im Eifer des Gefechts Richtung Bildschirm fliegt.
"Ein blöder Wurf" Dem Quartett macht es sichtlich Spaß. "Spare", freut sich Marlis Langeveld mit dem entsprechenden Fachbegriff, nachdem sie mit dem zweiten Wurf alle zehn Pins von der Bahn gefegt hat. Der 76-Jährigen kommt dabei ihre Tenniserfahrung zugute. Gertrud Weyer indes ist gar nicht glücklich darüber, dass Kugel und Kegel bei ihr so gar keine Berührungspunkte hatten. "Ein blöder Wurf. Entschuldigen Sie", kommentiert Sitznachbar Heinz Kaesper höflich, aber direkt. Die 72-Jährige nimmt's mit Humor: "Ich kenn' Sie ja schon länger." Als Kaesper (70) in der nächsten Runde schon wieder mit dem ersten Wurf alles abräumt und sich über den dritten "strike" in Folge freut, versucht sie mit diplomatischem Geschick den übermächtigen Konkurrenten zu einer Auszeit zu überreden: "Müssen Sie nicht mal 'nen Kaffee trinken?" Das würde auch die Chancen von Josef Balon erhöhen, mit 91 Jahren der Älteste in der Runde. "Wir haben die Konsole angeschafft, um jung und alt zusammen zu bringen", sagt Heidrun Merten, die stellvertretende Wohnhausleiterin. "So können die Bewohner auch mal was mit ihren Enkeln unternehmen. Es muss ja nicht immer »Mensch ärger dich nicht« sein." Demente Bewohner gingen oft unbefangener mit dem ungewohnten Medium um, orientierte seien ehrgeiziger. Eine Studie der Bayerischen Diakonie habe ergeben, dass die Bewegung vor dem Bildschirm die geistigen und körperlichen Fähigkeiten von Senioren fördert. Den beiden Jungen jedenfalls hat das Praktikum Spaß gemacht, genauso wie ihrer Mitschülerin Janine Radecki, die Bewohnern Essen gereicht und Wellness-Tage in den Wohngruppen gemacht hat. Viel Geduld müsse man haben, hat das Trio erfahren, "und total offen sein für alles", setzt Janine Radecki hinzu: "Das ist eine sehr aufreibende Tätigkeit." Begleitet wurde das Praktikum durch tägliche Gespräche mit Betreuer Siggi Wegmann. Als die Software nach einer Stunde zur Pause mahnt, würde Kaesper gerne noch weiter machen. "Boxen war klasse, und Golfen ist auch schön", schwärmt der beinamputierte Mann von weiteren Spielen. Im Männertreff ist er auf den Geschmack gekommen. Jetzt trainiert er einmal pro Woche mit Ehrenamtlerin Anja Schäfer (19). Auf ihm ruhen schließlich die Hoffnungen für den virtuellen Bowling-Wettkampf, der demnächst mit dem CBT-Wohnhaus Margaretenhöhe ausgetragen werden soll.
|